Klaus Ender – Über die Kunst und die Veränderung

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Foto: Klaus Ender

Klaus Ender: 1939 geboren, in der DDR aufgewachsen, vielfach ausgezeichneter Fotograf, erfolgreicher Autor von zahlreichen Büchern und selbstständiger Verleger. Als Autodidakt, Lebenskünstler und Künstler gibt er uns heute einen kleinen Einblick in sein abenteuerliches Leben und seine Ideen.

Klaus Du bist aufgewachsen in der DDR und  hast eine klassische Bäckerlehre gemacht. Es folgten weitere berufliche Stationen als Zellstoffkocher bzw. als Dreher. Erst 1966 wagtest Du den Schritt in die selbstständige Fotografie und somit in die Kunst. Wie war dies bei Dir? Was waren die Hürden und wie hattest Du diese gemeistert?

Um sich in der DDR selbstständig zu machen, brauchte man die Schläue des braven Soldaten Schwejk, Erfindergeist, unendlichen Optimismus – und das Glück, in seiner Sparte gebraucht zu werden, sonst gab es die Zulassung gar nicht. Mein Antrag auf eine Zulassung als Akt & Landschaftsfotograf – und nur Autodidakt zu sein – war einmalig, da dafür die Bedingung der DDR erfüllt werden musste, an der Hoch- oder Fachschule studiert zu haben.

Ich war ein (beispiellos engagierter  Amateur), der z. B. im Urlaub arbeitete – und einen Job beim  ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) annahm. Der dortige Chef war von  meiner Arbeit so angetan, dass ich mich bei meinem Antrag auf ihn berufen durfte. Das war für mich ein kleiner Ritterschlag mit positiven Konsequenzen. Am 10. Mai 1966 erhielt ich die Zulassung als Journalist – den Rest  (neben 3 Bürgschaften großer Verlage) musste ich nun selber verwirklichen.

Veränderungen gehen auch sehr oft mit Unsicherheit einher. Wie ist es Dir gelungen Dich immer wieder auf neue Abenteuer einzulassen und etwaige Zweifel zu besiegen?

Der Hintergrund meines Kampfes war der, dass ich nach 10 Jahren harter Arbeit (die begann mit 14) die Propaganda und die Bevormundung durch Partei-Funktionäre nicht mehr ertragen wollte und konnte. Als ich mich 1957 in der Berufsschule weigerte, im Sportunterricht Schützengräben auszuheben (der Westen rasselte lt. Ulbricht mit dem Säbel), drohte man, mir den Gesellenbrief im Bäckerhandwerk wegen „Ungehorsams“ zu verweigern.

Am 8. Mai 1957 beging ich Republikflucht, machte im Oktober meinen Gesellenbrief in Friedrichshafen – und kehrte wegen Heimweh nach 1 ½ Jahren in die DDR zurück. Aus den 600 Seiten Stasi-Berichten weiß ich heute, dass ich 6 Jahre unter totaler Überwachung der Stasi stand. Dass ich es trotzdem schaffte, war nur dem Umstand zu verdanken, dass ich schon als einziger Amateur der DDR in großen Zeitschriften der DDR (wie DAS MAGAZIN und EULENSPIEGEL) präsent war.

Das Leben besteht aus Veränderung. Alles in unserer Natur ist ständig in Bewegung. Auch Du und Dein Leben waren ständiger Veränderung ausgesetzt, dies erforderte sicher viel Kraft. Woher schöpfst Du die Kraft um immer wieder neue Wege einzuschlagen?

Ich wurde im Frühjahr 1939 geboren und ein halbes Jahr später begann der 2. Weltkrieg.  Als er verloren war, war ich sechs Jahre alt und nach der Vertreibung auf der Flucht. Als einziger, unehelicher Sohn meiner Mutter überlebten wir – und als wir fast West-Deutschland erreicht hatten, wurden wir durch Hunger und Paratyphus erschöpft in ein Lazarett eingeliefert, dessen Gebäude meine Schule war, in die ich am 1. September eingeschult wurde.

Als Sohn einer Trümmerfrau war ich  für das verantwortlich, was sie Tags über nicht machen konnte, weil sie in Wittenberge die Nazi-Flak-Türme der Elbbrücke mit abriss und die Innenstadt von Ruinen befreite. Ich hamsterte, stand täglich stundenlang nach Essenrationen an und war als Schlüsselkind für das gemietete Zimmer verantwortlich. Ich hatte unendlich viele Krankheiten zu  durchstehen und lernte das Leben mit allen Facetten kennen. Ich war in allen Situationen meines Lebens ein Einzelkämpfer gewesen.

Wie wichtig ist es für Dich den Prozess der Veränderung bewusst zu planen?

Im allerersten Zimmer der Nachkriegszeit hing ein bemaltes Holzbrett mit vier Zeilen, das ich zu meinem Lebensmotto machte:

Schlägt  dir die Hoffnung fehl –  nie fehle dir das Hoffen,

ein Tor ist zugetan, doch Tausend sind noch offen. – Friedrich Rückert

Das Wesentlichste in meinem Leben war der Wille, unabhängig – und wirklich frei zu sein. Dem ordnete ich alles unter, so dass naturgemäß öfter ein Tapetenwechsel, Arbeitsfeld und Neuanfänge notwendig wurden, die meistens mit knappen Kassen begleitet waren.

Sein Leben zu Gestalten heißt auch sich ständig zu verändern und jede positive Veränderung beginnt mit der Idee, der Möglichkeit. Wie entstehen bei Dir die Ideen für Deine Gedichte, Deine Fotografie und Deine Projekte?

Ich hatte zwei gravierende Ereignisse zu durchleben, die ein sehr durchdachtes Handeln von mir erforderten. Es war 1990, als ich das heutzutage so oft diagnostizierte Born out Syndrom zur Kenntnis nehmen musste. In Österreich lebend, hatte ich 8 Jahre gebraucht, um wieder als Autor den Erfolg zu habe, wie einst in der DDR. Das hatte neben der Abarbeitung meiner Verschuldung bei der Bank sehr viel Kraft gekostet, da der Anfang eines Ossis im Westen – ohne Valuta zu besitzen –  unvorstellbar schwer war.

Ich beschloss, den Leistungsdruck  stark abzubauen, dem Leben wieder einen sinnvolleren Inhalt zu geben, meine Arbeit so zu verrichten, wie ich sie aus Leidenschaft als „Amateur“ durchführte. Keine Aufträge mehr anzunehmen, das Archiv mehr zu nutzen und kreative Ideen umsetzen. Und diesmal von meiner Frau mit Hand und Fuß begleitet, gründeten wir das ART PHOTO ARCHIV Klaus Ender.

Sie gab ihren Beruf als Sekretärin auf, wir reisten um die Welt und unsere „Einsicht in die Notwendigkeit“ zahlte sich aus. Unserem Leben hatten wir einen neuen Sinn gegeben.

Welche Eigenschaften braucht man Deiner Meinung nach um als Künstler bestehen zu können?

Großen Willen, Kreativität, Durchhaltevermögen und wenn erreichbar –  einen eigenen Stil erarbeiten. Auch mal empfinden, dass Erfolg nicht ALLES ist.

Durch Deine Selbstständigkeit genießt Du viele Freiheiten. Wie gibst Du Deinem Alltag Form? Wie gestaltest Du Deinen Alltag?

Als ich (oben) von 2 gravierenden Ereignissen sprach, wäre die Schilderung desselben zu lang geworden, so dass ich es hiermit ergänzen möchte. Ich erhielt 2003 die Diagnose Parkinson. Begreifen konnten wir sie da noch nicht – wir wussten nur eines: Aufgeben werden wir (uns) nicht…

Wir konnten uns nur sagen; „Bis dass der Tod uns scheidet gilt jetzt erst recht!“

Ich durchlebte nächtelang mein  Leben noch einmal, fragte mich, welches sind meine noch unentdeckten Talente, was kann ich anders machen, wie kann ich noch etwas bewegen, bevor mich die Krankheit im wahrsten Sinne des Wortes lähmt…

Ich entdeckte meine Jugendliebe, die mir ein „sozialistischer Redakteur“ ausgetrieben hatte. Das Fach „Deutsch“ war mein Lieblingsfach gewesen und so beteiligte ich mich u. a. bei einem Gedichte- Wettbewerb der Jugendzeitschrift NEUES LEBEN.

Das Resultat: Ich wurde aufgefordert, mich nicht dem romantischen Kitsch hinzugeben, sondern nach Themen suchen, die den Aufbau des Sozialismus beschreiben… Ausgerechnet das, was ich so hasste, die (Parolen der SED) sollte ich nun bejubeln. Ich war so verbittert, dass ich das Dichten aufgab, das ich seit meinem 12. Lebensjahr sporadisch pflegte.

Als ich meiner Frau sagte, dass wir ein Rügenbuch machen sollten, dass der Poesie gewidmet ist, wussten wir niemanden, der uns die Texte schrieb. Ich durchforstete das Internet, holte Bücher aus der Bibliothek – alles umsonst – kein Text passte wirklich zu  meinen Bildern.

Daraufhin sagte ich, dass ich sie selbst schreibe. Meine Frau schaute mich an und meinte: Ich traue Dir ja wirklich einiges zu, aber willst du wirklich 30 druckreife Gedichte verfassen? Ich sagte ja! 14 Tage später lagen 30 Gedichte auf dem Tisch und aus ihrer Frage wurde ein klares Bekenntnis zu diesem Buch, das inzwischen die 3. Auflage erlebte. Dem folgten 14 weitere mit Gedichten, Aphorismen und Kolumnen.

Ich habe diese erschreckende Krankheit nun das 14. Jahr und meine Laufbahn nähert sich dem Ende. Über 150 Bücher, Hunderte Kalender, Gedichte- und  Aphorismen – Karten u. v. m. haben wir erarbeitet. Mein Gedichte – Archiv umfasst 2.000 Gedichte und 2.000 Aphorismen, die mein Leben bereicherten…

Ich bin dabei, der Vers-Dichtung (die jeder Schlager praktiziert) Bedeutung zu geben, die Fabel zu beleben und dem Aphorismus mehr Beachtung einzuräumen. Rückert’s Spruch sah ich morgens beim Aufstehen und abends beim Schlafengehen, seine Vita las ich später und konnte es nicht fassen, wie sehr sein Volk ihn vergas. Er war Dichter, Sprachgelehrter, er schrieb in 45 Sprachen, gilt als Sprach-Genie und Mitbegründer der deutschen Orientalistik und ist Träger des Pour le Merite.

Für jeden aufstrebenden Künstler könnte er Vorbild sein – und ein Grund, darüber nachzudenken, was Ruhm wirklich ist – und ob es sich lohnt, diesem „Ruhm“ sein Lebenswerk  zu widmen. Denn nichts ist vergänglicher als Ruhm.

Welche Ideen möchtest Du noch unbedingt umsetzten?

Das Stadium des Parkinson – Syndroms ist nicht absolut zu bestimmen, weil die Symptome durch fast völlige Schlaflosigkeit,  schwere Depressionen u. a.  Nebenwirkungen der Medikamente  fast täglich andere sind, können auch Zukunftsaussichten nicht  fest geplant werden. Meine Hinterlassenschaft in Wort & Bild wird meine Frau übernehmen, die unseren Betrieb weiterführen wird. Sie ist 25 Jahre jünger als ich und gesund,  so dass es wahrscheinlich ist, dass sie noch mehrere Bücher etc. in meinem Sinne publizieren wird. Ich habe in der Vergangenheit oft bewiesen, dass ich „zeitlos“ fotografiere, so dass das Material noch viele Jahre aktuell sein wird. Es ist mein letzter Wunsch, dass sie ihre Ideen mit meinen Vorarbeiten erfolgreich durchsetzen kann.

Klaus Ender

Foto: Gabriela Ender

Foto: Gabriela Ender

Meine Lyrik:   http://www.klaus-ender.com/ender_lyrik/ender_lyrik.html

Meine Bilder:  http://www.klaus-ender.de/galerie/info_s.html

Klaus Ender: Bücher und Informationen unter http://www.klaus-ender.de/

 

Bücher von mir

Besser gut lebenwerde_lebensknstler

2 Comments Klaus Ender – Über die Kunst und die Veränderung

  1. klaus roggendorf

    Habe mich mit der Frage nach dem gelingenden Leben*, der philosophischen Lebenskunst,* ebenfalls befasst und komme – im Lichte der leidvollen Menschheitsgeschichte* – zu anderen und primär existentiell notwendigen Ergebnissen. Mehr dazu im Inernet unter > klaus roggendorf + – * < Argumentativer Widerspruch und Aufklärung sind sehr erwünscht.

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  2. klaus roggendorf

    Der Mensch ist und bleibt ein eitel -machtorientiertes Tier – und befindet bestenfalls, auf der Suche nach dem Wir.
    Das alles läuft unbwußt antriebsdynamisch dominant wirksam* ab. Auch die bewußte Entscheidung ist (phylogenetisch) stammesgeschichtlich so dominiert.
    Macht und Stärke sind mißbrauchbar*, weil sie besondere und maßlos auslebbare Vorteile verschaffen können.
    Macht wird psychopathisch, wenn sie ohne Scham gefühls-und rücksichtslos durchgesetzt und ausgelebt wird.
    Die ganze leidvolle Menschheitsgeschichte* ist programmatisch von diesen Zusammenhängen geprägt
    Also, was können wir tun, da wir alle betroffen sind. Wir müßten diese antriebsdynamisch bedingte Eitelkeit und Machtgier nicht nur stets erkenntnisstandgerecht ethisch-moralisch reflektieren* lernen, sondern aktiv und bürgerpflichtig eine demokratisch wirksame Transparenz und Kontrolle aller Machtverhältnisse lebenspraktisch durchsetzen.- d. h. Vernunft und Verantwortung zeit- und erkenntnisstandgemäß realisieren.

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